Shitstorm: Angst oder schon fit für die Zukunft?

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Auch wenn wir uns selbst gern anders sehen, intellektuell geprägt und über den Dingen stehend, wir Menschen sind leider -oder auch zum Glück- nunmal durchweg emotionale Wesen. Hin und wieder bestätigt natürlich die sprichwörtliche Ausnahme einfach mal wieder mal die Regel und ein paar von uns schlagen aus der Art. Diese Minderheit könnte man im Idealfall auch gern vernachlässigen, aber leider besetzen die meisten davon Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft.
Und weil der Grossteil von uns so emotional tickt, sind wir oft auch relativ einfach gestrickt. Das macht uns in vielerlei Hinsicht anfällig. Um ein gutes Beispiel für Anfälligkeit zu nennen, bleiben wir einfach mal bei Musik. Sie berührt uns auf eine gute Weise, einer emotionalen Ebene und hat absolut nichts Verstand zu tun.

Unsere Basisgefühle sind Freude, Überraschung, Furcht, Traurigkeit, Wut und -man glaubt es kaum- sogar auch Ekel.
Nach einer Forschung von Paul Ekmann wurde schon in den 1960-ern kulturübergreifend noch das Gefühl der Verachtung identifiziert, dass uns schon seit damals als ständiger Begleiter im Nacken sitzt.
Bis anhin hat sich da nicht viel geändert und insgesamt sind es sieben Basisgefühl die uns zur Seite stehen. Freude, Überraschung, Furcht, Traurigkeit, Wut, Ekel und eben auch Verachtung.

Quelle: Wikipedia

Vom Grundsatz sind unsere Gefühle gut, denn sie beschützen uns schon bevor wir Menschen denken konnten, zum Beispiel vor Gefahren und Krankheit, sorgen für Gerechtigkeit und helfen Erlebtes auch auf einer emotionalen Ebene zu verarbeiten. Mitunter spricht man heutzutage ja sogar von emotionaler Intelligenz. Zweifelsfrei ein Lernfeld für viele von uns.

Doch wenn man sich sein eigenes Umfeld oder auch die Welt und das Weltgeschehen anschaut, darf man sich ruhig folgende Frage stellen: „Sind unsere Gefühle auch gut für andere?“
Und wenn wir uns dazu mal die Gewichtung unserer Grundgefühle anschauen, stehen nur ein oder zwei positiv gestimmte, hier Freude, den sechs anderen gegenüber. Wenn wir ehrlich zu uns sind, ist das schon ziemlich unausgewogen, oder? Und unseren Mitmenschen geht es leider nicht anders. Das könnte einiges an zwischen-menschlichen Spannungen und dem Abenteuer Leben erklären.

Mit dem oben genannten Missverhältnis unserer Grundgefühle wird es vielleicht verständlich, dass wir Menschen gern mal über die Stränge schlagen. Emotionen, also uns gegebene Urinstinkte, bestimmen unser Leben und das viel öfter als uns lieb sein dürfte. Gerade Männer könnten davon ein Lied singen, wenn sie denn wollten.

Ganz grosses Kino
Wer kennt den Film „Alles steht Kopf“? Besser und anschaulicher kann man das Zusammenspiel und die Auswirkungen unserer Gefühlswelt nicht beschreiben. Eine gute Portion Witz spielt dort auch eine große Rolle. Leider haben manche von uns nur ein schwaches Gespür für Humor, dafür vermutlich andere Fähigkeiten. Come on: nobody is perfect.

Im Film -übrigens FSK 0- sorgt die gelbe Figur „Freude“ dafür, dass Riley das 11jährige Mädchen, um das es im Film geht, glücklich ist.
Angst (lila) bewahrt sie vor Schäden und Verletzungen. Wut (rot) sorgt für Gerechtigkeit und Ekel (grün) dafür, dass Riley nicht krank wird. Nur Kummer (blau) scheint anfänglich keine echte Aufgabe zu haben und wird daher weitestgehend unterdrückt. Doch am Ende… Spoileralarm.
Im Film gleicht das Zusammenspiel der Gefühle einer Achterbahnfahrt; es ist ein Abenteuer wie im richtigen Leben und man erkennt sich nicht nur einmal darin wieder.
Also wer ihn noch nicht kennt, unbedingt ansehen; und wer ihn gut fand und inhaltlich leider wieder seine guten Vorätze für ein ausgeglicheneres Leben vergessen hat, ruhig ein zweites Mal anschauen. Kann wirklich nicht schaden.

Spock – „Lebe lang und in Frieden“
Wenn immer unser Verstand die Oberhand behalten würde, gäbe es -wie bei Star Trek auf dem imaginären Planeten Vulkan und seinen Bewohnern- keine Form oder jegliche Art von Gewalt, wie Mord und Totschlag, Mobbing, Krieg, Terrorismus, Ausschreitungen und eben diese neuartigen Shitstorms.

Kennst Du das Sprichwort: „Erst Denken, dann Reden?“ Vermutlich hat ein jeder von uns diesen Satz in seiner Kindheit eingebläut bekommen. Wie viele von uns halten sich dran?
Dürfte es nicht auch gern noch eine Variante mit dem „Handeln“ geben? Also „Erst Nachdenken dann Handeln.“ Dann würden wir Menschen uns untereinander vielleicht sehr, sehr viel Leid ersparen.
Leider ist dem nicht so und viele lassen ihren Gefühlen einfach freien Lauf; und wie wir alle wissen, nimmt das dann mitunter sehr unzivilisierte Formen an.

Denken wir nur mal an die üblen Ausschreitungen zum G20-Gipfel in Hamburg zurück. Pure Wut und Kummer auf Seiten der Demonstranten. Oder war es nur pure Hilflosigkeit oder gar Verachtung? Die Strafprozesse laufen heute noch, und die „Chaoten“ werden eigentlich nur dafür bestraft, dass ihre Impulskontrolle nicht funktioniert und sie ihren Gefühlen freien Lauf gelassen haben. Zweifelsfrei keine Entschuldigung für so ein mieses Verhalten, aber zumindest eine Erklärung.

Ausser Kontrolle – nur eine Tat im Affekt
Ähnlich sind wohl die Shitstormer drauf. Sie sehen oder hören etwas, und dann passiert es: Ihr Gerechtigkeitssinn (Wut) übermannt sie und schon tauchen sie in ein Wechselbad ihrer Gefühle ein.In der vermeintlichen Kraft der Masse blenden sie alles Gute um sich aus. Zügellos und ungebremst -oft völlig geistfrei- treten sie verbal mit dem einzigen Ziel um sich, andere niederzumachen.
Nunja, was sogenannte Internet-Trolle sind und wie sie psychisch ticken, das wissen wir ja; und wenn man sich einen Shitstorm anschaut, sind sie bei näherem Hinsehen ähnlich gelagert. Die Basis: hochgekochte Emotionen. Von Impulskontrolle keine Spur.

Emotional vs rational
Die jüngsten und prominentesten Beispiele aus diesem Jahr 2020 sind der Komiker Dieter Nuhr und in den letzten Tagen der Tierpark Hagenbeck in Hamburg.
Dieter Nuhr parierte wenigstens bravourös dieser Masse unfundierter Kritik mit Witz. Wohingegen Hagenbecks Tierpark wie ein begossener Pudel zurückruderte und sich entschuldigte. Bei wem eigentlich und wofür? Doch was war passiert?
Es regten sich Leute darüber auf, dass man, damit es bei der Sommerhitze nicht so staubt, morgens die Gehwege im Tierpark mit Brauchwasser besprengt.

Oje, was für ein Skandal? Da spricht man schnell von Wasserverschwendung im Zoo und zieht hahnebüchende Vergleiche heran, wie zum Beispiel, dass anderswo auf unserem Planten Menschen kein Wasser haben.
Hat mich offen gestanden gewundert, dass die Klagegeister dem Tierpark nicht noch mehr verbieten wollen, denn die haben dort ein tolles Aquarium. Riesige Becken mit allerlei Tieren wie Krokodilen und viel mehr. Etwa 2 Mio Liter Wasser. Sollte man denen auch dieses Wasser verbieten? Den Zoo gleich dicht machen, weil es ist ohnehin Tierquälerei und andere Menschen haben kein Wasser?
Aber vermutlich gehen viele der Stormies selbst gern mal da hin. Nein, das wollen die nicht, der Zoo geschlossen? Wo können sie dann mal ihre Seele baumeln, sich von der Natur faszinieren lassen? Und das bekleidet mit einer Jeans, zu deren Herstellung 8.000 Liter Wasser nötig waren. Aber das ist ja ganz weit weg, sowas regt einen nicht auf, auch nicht wenn man selbst mindestens 5 Jeans im Schrank hat.

Ohnehin finde ich dieses Argument der Wasserknappheit mehr als fadenscheinig. Wie viel Prozent der Erdoberfläche ist gleich nochmal mit Wasser bedeckt?
Aha. Und wie lange gibt es schon Meerwasserentsalzungsanlagen oder einfachste Destillationsverfahren?

Leider hat die Pressestelle des Tierparks, wie so manche andere Kommunikationsschnittstelle auch, nicht optimal reagiert.
Heutzutage zieht man lieber den Kopf ein und gibt zu schnell klein bei, entschuldigt und rechtfertigt sich bei einer kleinen anonymen Menge, die ja nicht mal den Mut hat sich spontan zu einem marodierenden (Flash)Mob zusammen zu tun und vor dem Zoo einen Regentanz für noch mehr Wasser auf der Welt aufzuführen. Die tun wirklich so, als ob 66% der Erdoberfläche als Wasservorrat nicht genügen.

Keep cool à la Merkel, denn Angst ist ein schlechter Berater
Deshalb wäre es wirklich wünschenswert, dass man die „Motivation“ der Stormies erstmal richtig einordnet und deren Meinung nicht überbewertet. Denn nur weil viele zeitgleich mal die gleiche Meinung haben, muss es doch nicht richtig sein.

Die beste Strategie dabei ist mit Sicherheit, sich nicht auf Wortgefechte mit überhitzten Gemütern einzulassen. Da prallen Vernunft und Gefühle aufeinander. Das könnte im schlimmsten Fall in einem zweiten arabischen Frühling enden.
Wenn mann sich nicht wirklich etwas Schlimmes zu schulden kommen lassen hat, kann man doch einfach einen kühlen Kopf bewahren, alles andere ist eh nur eine Reaktion auf eine Aktion einer undefinierten Masse und allen kann man es ohnehin nie recht machen.

Sollte man sich nicht lieber die Frage aller Fragen stellen: Was passiert im schlimmsten Fall? Ist der aushaltbar oder geht gleich die ganze Welt unter?

Wenn Diplomatie als erstes Mittel bei den Stormies nicht wirkt, dann muss man auch Grösse zeigen können und denen die Stirn bieten oder die kalte Schulter zeigen.
Das ist seit vielen Jahren ein bewährtes Mittel in der Spitzenpolitik.
Alles andere wie etwa Rechtfertigungsversuche und lasche Entschuldigungen kann in den Augen der Stormies nur Schwäche (Furcht) bedeuten und das erzeugt im schlimmsten Fall nur Verachtung. Und selbst die wäre für ein paar Tage zu ertragen. Muss man ja schliesslich alles nicht persönlich nehmen.

Egal, was auch für Emotionen und Absichten hinter einem Shitstorm stecken, keiner hat das Recht einem anderen seine Meinung durch die Nutzung der Masse aufzuzwingen und einen Menschen durch Beleidigungen und Drohungen zu entmenschlichen.

Und wenn man sich mal mit dem Thema Internet-Trolle beschäftigt und das es mittlerweile schon Trollfabriken gibt, dann sollte man sich einfach entspannt zurück lehnen und wissend vor sich hinlächeln.

De mortui nil nisi bene
Eine gute Strategie wäre für die Zukunft die, dass man durch Shitstorms grundsätzlich nicht mehr einknickt. So wie eine Regierung sich in einem Entführungsfall nicht erpressen lässt und Lösegeld zahlt, oder so wie erfolgreich eingereichte Petitionen im Deutschen Bundestag bis zur nächsten Legislaturperiode einfach versanden, sollten alle Betroffenen ihren Verstand einschalten und gar nicht mehr, oder allenfalls müde lächelnd auf einen Shitstorm reagieren, denn „Wer nichts Gutes zu sagen hat, soll besser schweigen.“ und ein Shitstorm ist garantiert nichts Gutes.

Update 16.06.2020
Zetern ist leichter als hinhören – der neue Shitstorm gegen J. K. Rowling ist da der traurige Beweis
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Update 07.08.2020
Dieter Nuhr, die Wissenschaft und der Online-Mob: So kommen Sie entspannt durch einen Shitstorm
weiterlesen auf: NZZ

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